Der Zauberer

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All das, meine stete Transformation, also meine ununterbrochene Veränderung meiner Gestalt, war unter anderem eine Methode um zu überprüfen, ob das, was IST, SEIN darf. Als Kind, aber auch oft als Jugendlicher tun wir viele Dinge ohne sie zu hinterfragen. Vieles davon mag unserem ursprünglichen Wesen entspringen, anderes davon ist aus Einflüssen entstanden. Doch ganz egal woher es kommt: Wir tun es einfach.

Eines davon ist Unterdrückung. Wenn unsere Seele irgendwann nicht mehr weiß, wie sie sich Gehör verschaffen kann, wie sie das bekommt, was sie braucht, sucht sie sich einen anderen Weg. Einen Plan B. Oder irgendwann auch Plan Z. Dann hegen wir Emotionen, ohne zu wissen woher sie rühren. Hegen Gedanken, ohne zu wissen wie sie entstehen. Wir schämen uns, hassen uns, verurteilen uns. Schmücken uns mit Schichten, zusammengewebt aus all den Ersatzplänen. Wer näht denn diese Schichten? Etwa unterernährte Kinder in Bangladesch? Oder der Schneider auf der Hafenstraße? Eventuell sind wir verzweifelt über unser Unwissen. Unser Unwissen über die Welt. Und über uns selbst. Sind verzweifelt darüber, dass wir einfach so sind wie wir sind und nicht wissen WIESO wir so sind wie wir sind.

Bestenfalls können wir irgendwann dieser Frage nicht mehr entfliehen. Wir stellen die Frage aller Fragen: “Wieso?”. Und da wir keine Antwort wissen, wollen wir Veränderung. Wollen wir einen Leitfaden. Finden diesen Faden. Vorzugsweise hängt er da so runter, aus einer dieser Schichten. “Na toll, doch ein Billigteil aus Bangladesch.” Verärgert ziehen wir an dem Faden. Schneiden ihn ab. Um den Rest dann wieder mit einem anderen Faden zu verknoten. Aber es macht alles irgendwie keinen Sinn. Dieses Verknoten und Zerschneiden. Es hält einfach irgendwann nicht mehr. Es löst sich auf. Alles droht sich aufzulösen. Uns wird kalt. Eigentlich wollen wir doch nur einen einzigen Faden. Mit EINEM Anfang und EINEM Ende. Wir wollen geleitet werden. Wir wollen nicht ständig diese Frage fragen. Diese Frage nach dem WIESO. Wir wollen nicht ständig überprüfen ob das was wir machen zu uns gehört. Wir wollen einfach irgendwas machen und wissen, dass diese Tat zu einem bestimmten Ergebnis führt. Doch letztendlich können wir nie hundertprozentig sicher sein, dass ein bestimmter Vorgang zu einem bestimmtem Ergebnis führt. Und DAS  wissen wir. HUNDERTPROZENTIG. Und das macht uns verrückt. Leben in ständiger Unsicherheit. Doch wir unterdrücken es. Schließen eine Lebensversicherung ab. Gehen weiter den Faden entlang. Überprüfen den Faden, überprüfen uns, ob wir so sein dürfen wie wir sind. Überprüfen andere, ob sie so sein dürfen wie sie sind. Verurteilen uns, verurteilen andere.

Und irgendwann, nach all dem Urteilen, Zweifeln, Meckern, an sich arbeiten, an anderen arbeiten – nach all diesen Überprüfungsmechanismen, um sicher zu gehen, dass etwas so sein darf, wie es ist – was bleibt da noch? Resignation? Tiefe Verzweiflung, dass man es nie ganz und gar wissen wird? Oder Freude darüber, dass wir zumindest unser Unwissen wissen. Und alles einfach so sein darf wie es jetzt gerade ist. Und auch wenn es der derzeit schönste Zustand ist, den etwas oder jemand einnehmen kann, es sich trotzdem jederzeit verändern darf.

Ja verdammt, ich darf traurig sein, ohne den blassen Schimmer zu haben WIESO. Ja verdammt, ich darf sogar verzweifelt sein, ohne zu wissen, WARUM. Und ganz sicher darf ich auch wütend sein, ohne zu wissen, auf was oder wen. Und ich darf auch Scham empfinden. Einfach so. Ich darf unsicher sein, ohne zu erklären, was mich unsicher macht. Und darf ich denn dann auch glücklich sein, ohne zu wissen woher mein Glück herrührt? Und darf ich dann noch fragend sein? Hinterfragend, vorderfragend, erfragend, nachfragend, vorfragend, befragend, ausfragend, zerfragend. Ja. Ich darf. Ja. Ich darf. Und darf ich denn überhaupt dürfen? Ja. Du darfst dürfen. Ja, du darfst bedürftig sein.

Denn wenn ich einfach nur SEIN darf, dann WEIß ich. Dann bin ich weiße. SEIN ist Leichtigkeit. Ja fast Schwerelosigkeit. Und Schönheit. Universelle Schönheit. Und die Schichten, egal ob die aus Bangladesch oder vom Schneider auf der Hafenstraße, auch sie sind schön. Wenn sie SIND. Universell schön. Dann ist der höchste Grad der Schönheit eingetreten, den etwas oder jemand einnehmen kann. Dann wird es oder er oder sie von dir gehen. Und ein weiteres Stück deiner Schönheit enthüllen.

Denn wenn wir all das wüssten, ja schon das Ende eines jeden Anfangs erblicken, dann würde der Zauberer nichts mehr enthüllen können. Dann wäre da kein Zauber mehr. Dann wäre da kein Erleben mehr. Dann wäre da kein LEBEN mehr.

Also. Zaubere.

Der Schatz

Ich habe einen Schatz vergraben.
Einen verzauberten Schatz. In mir.
Ganz tief da unten, ja, tief drunten.
So dass ihn niemand finden kann, nein, da kommt keiner ran.

Nichtmal ich.

Es ist ein Erbstück der Familie
wohlbehütet war er dort nie.

Doch bei mir ist er nun sicher.
Denn meine Mutter hat ihn gut versteckt. Ins allerletzte Eck.

Mama wo hast du ihn denn hinvergraben, sag mir doch, wo ist die Stelle?

Oh, mein Kind, das weiß ich nicht, damals, da war dort ja kein Licht.

Lichterlos. Nur Dunkelheit. Sehen tat ich nichts. Und musst’ ich ihn ganz heimlich dort verstecken.

Und, wer hat denn dann den Schlüssel nun?

Oh, mein Kind, auch da weiß ich keine Antwort dir, es ist ja auch alles nicht von mir.

Keinen Schlüssel, nun gut, aber weißt du wenigstens was drin da ist?

Ja, weißt du mein Kind, es ist ein Schatz, der aber uns nicht gehören tut. Doch haben wir die Ehre ihn zu hüten, gut.

Die Ehre, oh, wie wundervoll, doch will ich wissen, was da drin sein soll.
Wenn ich schon so schwere Lasten trage, ja auch wenns ein Goldschatz ist, so möcht’ ich wissen was da meine Kräfte frisst.

Ja doch, ja, es interessiert mich auch. Nun ist es aber eben dieser Brauch.
Und was nun, wenns ein Monster ist, dann sinds nicht nur meine Kräfte die er frisst.
Dann muss ich kämpfen – und kämpfen kann ich nicht. Doch Du jedoch, du starke Frau, schau dich an, deine Brust so breit, deine Arme, so zäh, dein Stand so fest, du kannst kämpfen.

Aber Mutter, Mutter, siehst du denn nicht? Ich bin so stark geworden, weil ich so schwere Last bald trug, deine Last, dein Schatz, den du ja niemals öffnen wolltst.
Hilf mir doch wenigstens zu buddeln, hilf mir, zeig mir, irgendwas. Und lass mich nicht im Dunkeln tappen.

Kind, mein Kind, was soll ich zeigen dir. Wenn doch auch ich nur im Dunkeln war – mit mir, ganz allein mit mir. Damals, als ich diesen Schatz bekam, war ich einfach nur so froh, mein Herz das brannte lichterloh. Ein Schatz. Der dann MEIN Schatz bald schon war. Nur meins. Für mich allein. Weil damals, weißt du, da konnte doch nichts nur für uns sein. Und behütet, das fühlt’ ich nie. Du weißt doch, du weißt es doch. Da wurd’ ich rumgereicht von hier nach dort. Weil meine Mutter war ja fort.
So war es dieser Schatz, der mir so viel gab, weil er unter meiner Obhut lag. Ganz egal, was es nun war, was es jetzt ist, es war – es ist mein Schatz. Mein ein und alles. Und ich wollt’ ein guten Platz für ihn. So warst es du, dein Sein, was mir richtig schien für ihn.

Ach Mama, Mama, ja, jetzt kann ich dich verstehn’. Ja, ich kann dich sehn’. Ich sehe es. Jetzt spür ich es. Meine Kraft. Hast du mich doch im Zeichen des Schützen der Welt gebracht. Ich schütze. Ich schütze es. Ich schütze dich. Hab keine Angst. Denn da ist keine Angst. Da ist kein Feind. Kein Angriff. Du kannst frei kämpfen nun. Denn du kämpfst doch so gern. Und ich bin dir dabei niemals fern. Mit deinen Hörnern volle Kraft voraus. Dein Zeichen ist der Widder. Mit seinen mächt’gen Hörnern. Und seinem wohlwollendem Wesen.

Ich schütze dich. Du darfst sein. Zeig mir deine Wut. Deinen Schmerz. Deine Verletzlichkeit. Geh mit den Hörnern durch die Wand. Du wirst damit niemanden verletzen. Auch nicht dich selbst. Du wirst mit deinen Hörnen die Mauern durchbrechen, die den Schatz vor uns verdecken. Und ich, ich bin da für dich. So wie es der Schatz damals war. Doch anders als er, öffne ich mich.

 

Hört, hört! (aber jetzt echt mal, hört einfach nur, macht sonst nichts anderes.)

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Irgendwann fing ich an zu HÖREN. Hören, dass da draußen ganz schön viel Lärm und Krach ist. Hörte aus dem Fenster. So viel los da draußen. Hab’ ICH die eingeladen? Jedenfalls hab ich wohl das Klopfen an der Eingangstür absichtlich überhört und Tische, Schränke und Stühle davor gestellt um die Tür zu blockieren. Logisch, dass sich da irgendwann ganz schön viel Müll im Zimmer ansammelt, weil man den ja nur nach draußen bringen kann wenn man die Tür öffnet. Aber dann wären ja die ganzen ungebetenen Gäste reingekommen. Irgendwann bin ich also im Müll versunken. Puh, hat das gestunken. War mir gar nicht so bewusst, bis ich dann mal gelüftet hab. Zum ersten mal nach Jahren. So ähnlich, wie wenn man in ein Klassenzimmer reinkommt, wo eine Horde von Schülern gerade kopfrauchend über einer Prüfung saß. So ne Luft war da auch in meinem Zimmer. Also hab’ ich diese Fremden vor meiner Tür reingelassen, will ja auch kein schlechter Gastgeber sein. Habe sie also geduldet, ihnen gnädig erlaubt, da zu sein, auch wenn ich auch gut auf ihre Anwesenheit hätte verzichten können. Nach stundenlangem Anschweigen hab’ ich halt doch mal den Schritt gewagt und die ersten zaghaften Worte losgelassen. Small Talk geführt. Wie man das halt so macht. Musste feststellen, dass die eigentlich alle ganz ok waren. Richtig nett teilweise, nur eben erst ab dem Moment, an dem ich begann mich interessiert zu zeigen.

Irgendwann fing ich an zu SEHEN. Sehen, wer da eigentlich alles da ist. Wie sie miteinander interagieren, wie sie mit mir interagieren, wie ich mit ihnen interagiere. Ja so langsam wurde es richtig gesellig. Und aus Akzeptanz wurde Genuss. Ich genoss ihre Anwesenheit. Wie wir uns gegenseitig austauschten, uns verstanden fühlten, erkannten, dass wir ja so viel gemeinsam haben. Doch ich fragte mich immer noch, wer sie eingeladen hatte und was das mit mir zu tun hatte.

Irgendwann fing ich an zu VERSTEHEN. Verstehen, wieso sie hier sind. Dass ich irgendwas von ihnen lernen sollte. Und sie wahrscheinlich auch von mir. Dass diese Begegnungen quasi überlebenswichtig sind. Damit ich lerne mit dem Leben umzugehen. Damit ich mich selbst VERSTEHE. Sonst würde ich wohl den Sinn des irdischen Lebens verfehlen. Ich fing an mich in dieses ständige Verstehen zu verlieben. Es gibt ja so unendlich viel zu verstehen. Es blieb nicht lange bei einem Verständnis. Verstand mal dieses, mal jenes, manchmal auch mehreres gleichzeitig. Dauernd ging ich fremd, war fasziniert von jedem Verstehens-Vorgang. Bin wohl polygam. Und wie das so ist, bei Verliebten, möchten sie jedem mitteilen, wie verliebt sie sind und auch wie toll der andere ist. Und wehe jemand sagt was gegen diese Verliebtheit, oder schlimmer noch, beachtet sie nicht. Was fällt denen ein? Meine Verliebtheit nicht zu beachten! Und vor allem meinen Liebhaber, das Verstandene, die Erkenntnis, nicht mindestens genau so toll zu finden wie ich!

Irgendwann fing ich an zu FÜHLEN. Fühlen, dass diese ganzen Gäste Teil von mir sind. Und nicht nur einfach irgendwelche dahergekommenen, die halt mal bei jemandem geklingelt haben, weil ihnen langweilig war. Nein, sie wurden tatsächlich gesandt. Nicht von irgendjemandem, auch nicht von Gott, sondern von mir. Weil ich Bock hatte auf Gesellschaft. Nein, weil ich unvollkommen war/bin. Weil genau diese Dinge in mir fehlten/fehlen. Ist doch manchmal wie bei diesen Tausend-Teile Puzzles von irgendwelchen Landschaftsbildern. Schloss Neuschwanstein oder so. Man sucht stundenlang nach diesem einen Teil von diesem blauen Himmel – und jedes scheint zu passen, alle gucken so verdammt ähnlich aus, alle sind sie Himmelblau. Man wird fast verrückt im Prozess des Nicht-Findens. Versucht sogar, das ein oder andere unpassende Puzzleteil passend zu machen, es da irgendwie reinzuquetschen. Aber das ist ja eigentlich auch Unsinn. Weil das ja wo anders hingehört und dann an diesem Ort kein Teil mehr ist. Und dann, man hat aufgegeben, abgegeben, liegt es einfach da, zwischen all den tausend Teilen, und man weiß einfach, dass DAS das richtige ist. Und so fügt sich eins zum anderen. Vervollständigt sich das Bild. Ist ständig voll. Aber doch leer irgendwie. Weil eindimensional.

Wie wird es tief? Indem ich höre, sehe, verstehe, fühle. Und all das gleichzeitig. Ist erstmal nicht so einfach. Muss gelernt werden. Ist doch klar. Oder hast du dich schon mal an ein Schlagzeug gesetzt und vom ersten Drum an den krassesten multidimensionalen Rhythmus hingelegt?
Angeboren ist nur das Werkzeug dafür, aber damit umzugehen bedarf Übung.

So lernte ich zu hören. Und was man mit diesem Hören alles machen kann! Zuhören, weghören, anhören, verhören, mithören. Und jedes Hören für sich bedarf eines eigenen Lehrgangs. (Wer das jetzt weiterspinnt, mit sehen und fühlen, der merkt, dass verstehen eigentlich schon ein Teilbereich von etwas ist. Von STEHEN. Müssen wir wohl erstmal stehen lernen, um überhaupt verstehen zu können).

All das Gleichzeitig heißt dann wohl erkennen. Also, ob du wirklich fürs Erkennen qualifiziert bist, kannst du ganz einfach testen: Indem du versuchst, nur zu hören. Nicht zu sehen, nicht zu stehen, nicht zu fühlen. Schalte alles aus und höre. Höre nach außen und auch nach innen. Höre nach links und auch nach rechts. Und auch mal querfeldein. Und dann mach das gleiche mit dem Sehen. Und mit dem Stehen. Und mit dem Fühlen.

Trau dich, Babyschritte zu gehen. Trau dich, eindimensional zu sein. Nur so kann sich dein volles Potential entfalten. Oder trau dich einfach deswegen, weil das für dich vielleicht viel geiler ist. Viel mehr Spaß macht. Don’t care. Be there.

Was fällt dir eigentlich ein…?


Bildquelle: Instagram, Iambillyhawkins

Was fällt dir eigentlich ein mich zu bezirzen, mir zu sagen, wie toll ich bin, mir zu erzählen, wie sehr dich diese andere Frau triggert und in den Wahnsinn treibt und mich dann genau für diese Frau links liegen zu lassen?

Was fällt dir eigentlich ein, mein Erkennen meiner Vorurteile nicht hochjauchzend zu loben und deine eigenen Vorurteile als Klischeewitze zu verkleiden?

Was fällt dir eigentlich ein, meine Wut, die ich dir so wahnsinnig reflektiert gestehe anstatt sie über dich ausbrechen zu lassen, nicht weiter zu beachten?

Was fällt dir ein, einfach zu antworten, dass du auch viel gibst, wenn ich dir vorwerfe, dass du viel forderst?

Was fällt dir eigentlich ein, mir das Gefühl zu geben mich zu dominieren, wenn ich innerlich beklage, dass mir alle anderen Männer nicht das Wasser reichen können?

Was fällt dir ein, mir nicht die Bestätigung zu geben die ich brauche, wenn ich überzeugt davon bin, dass ich keine Bestätigung mehr brauche?

Was fällt dir ein mir vorzuwerfen ich wolle dich zu sehr verändern, wenn ich dir ganz neutral zu verstehen gebe, dass deine Meinung scheiße ist?

Was fällt dir ein mich zu verführen, nachdem ich dir gesagt habe, dass ich mit dir nicht ins Bett möchte?

Was fällt dir ein zu wissen, dass ich genau jetzt etwas Härte brauche, noch bevor ich es weiß?

Was fällt dir ein, das Bedürfnis in mir auszulösen dir zu zeigen, dass du mir egal bist? Nur um zu verhindern, dass du mir zuerst zeigst, wie egal ich dir bin?

Was fällt dir ein, mich dazu zu bringen mich selbst zu fragen, ob ich wirklich so reflektiert bin wie ich denke zu sein?

Was fällt dir ein meine abgrundtiefe Ehrlichkeit, die dich verletzt, nicht wertzuschätzen?

Was fällt dir ein meine Selbstliebe immer und immer wieder auf die Probe zu stellen?

Was fällt dir ein, mich keine Stufen überspringen zu lassen?

Was fällt dir ein, mir das Gefühl zu geben, dass die Stufe, auf der ich gerade stehe genau jetzt die richtige ist?

Was fällt dir ein, mir nicht die Menschen zu schicken, die mich eine Stufe höher tragen sondern die, die mir zeigen, dass ich aus eigener Kraft klettern kann?

Was fällt dir ein zu wagen, die Genialität dieser Erkenntnis zu hinterfragen?

#9 Ich bin ein Versager. Ein euphorischer Versager.

Ich habs nicht durchgezogen. Ich habe nicht jeden Tag einen Artikel veröffentlicht. Die erste Woche lief ganz gut. Doch jetzt ist der letzte schon über eine Woche her. Was verdammt nochmal ist mir der Zeit passiert? Wo ist sie hin? Ich werde wohl eine Suchanzeige aufgeben müssen. WANTED: TIME!!!

Doch dass ich meine Forderung nicht eingehalten habe, ist weniger der Grund meiner Frustration. Mein primärer Grund dafür ist, dass ich schon wieder eine Schreibblockade habe. Und gerade diese wollte ich doch durch diese Aufgabe bewältigen. Doch kann man das eigentlich? Ist “Schreibblockade” nicht eine typisch chronische Krankheit von Schreiberlingen?

Ich lege meine Hände auf meine Tastatur. Nervosität kommt in mir hoch. Ich fange an zu tippen. Egal was. Alles was mich beschäftigt. Doch es ist zu viel. Oder zu wenig. Je nachdem wie man es sieht. Zu viel von allem. Zu wenig von einem. Und zu schlecht um es hier zu veröffentlichen. Und genau das beschäftigt mich derzeit sehr stark. Expertise. Habe ich so etwas überhaupt? Ich komme mir vor, als wüsste ich nichts. Als wäre ich in keinem Gebiet Experte. Ich kann viele Dinge ganz gut. Begeistere mich für viele Dinge. Regelmäßig hege ich Euphorie für eine bestimmte Sache. “Ja! Das ist es! Darin werde ich Experte!”, so oder so ähnlich hören sich dann meine Gedankengänge an. Doch so schnell wie die Euphorie kommt, geht sie auch wieder.Ist es meine fehlende Disziplin? Mein fehlendes Durchhaltevermögen? Denn wer wirklich Experte in einer Sache werden möchte, muss auch gewisse Hürden überwinden.

Versagensangst ist so eine Sache bei mir. In der Vergangenheit habe ich viele Dinge nicht getan, da ich Angst hatte zu versagen. Nicht den Forderungen, die entweder ich selbst oder andere mir gestellt hatten gerecht zu werden. Zu sehen, dass andere besser sind. Womöglich sogar viel weniger dafür tun als ich. So dass ich mir dumm vorkomme.

Wow. Dieser Artikel kostet mich gerade viel mehr Mut als gedacht. Er ist so brutal ehrlich. Und dabei nicht mal großartig wortgewandt. Und ich habe Angst weiterzuschreiben. Tja. Das ist wohl die nächste Hürde dieser Challenge. (Mich nervt es so sehr, dass ich kein passendes deutsches Syononym für dieses eingedeutschte denglische Wort “Challenge” finde…naja egal).

Denn diese Angst etwas eventuell nicht zu können, zu sehen, dass man etwas nicht geschafft hat, quasi versagt hat um es mal ganz unverblümt auf den Tisch zu legen, die haben so viele. Und hier auf dieser Seite möchte ich mich ja eigentlich von meiner tief philosophischen, tief bewussten Seite zeigen. Eine erleuchtete, die trotz des hellen Lichtes ihren schwarzen Humor nicht verloren hat. Artikel schreiben, die ich selbst grandios finde. Frisch, lebendig, querdenkerisch, eloquent, künstlerisch, bedacht, neu. So sollen meine Artikel sein. Und dieser hier ist alles andere als das. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Ach und all diese bekloppten Sprüche wie “man ist nur ein Versager wenn man es nicht versucht” lösen in mir nur Wut aus. Oder….tun sie das wirklich? Hm. Interessant. Gerade lösen sie keine Wut in mir aus. Seitdem ich diese Angst des Versagens vor ein paar Wochen in mir erkannt habe, habe ich neuen Mut gefasst. Neue Stärke. Neues Selbstbewusstsein. Ich habe sie sogar ausgesprochen, anderen Menschen von meiner Angst erzählt. Und eigentlich war es gar nicht so schlimm. Ganz im Gegenteil. Ich war so herrlich glücklich darüber, das endlich erkannt zu haben. Fast schon euphorisch. Wuhuuuuu ich habe versagt. Ja, so fühlt es sich immer an, wenn eine Angst bei mir zu Tage tritt.

Und ja! Verdammt nochmal! Was kann schon passieren, wenn man versagt? NICHTS verdammt nochmal! NICHTS! Bevor irgendjemand in diesem verdammten Universum dich bestraft weil du versagt hast, bist DU derjenige, der dich fertig macht.

Also, dann lass’ uns doch einfach Fehler machen, und das zu einer Tugend machen. Wo sind die Wiederaufstehmännchen, Ängste Überwinder, Menschenkenner, Ehrlichkeitsfanatiker, Positivisten, Gute-Laune-Verbreiter, Deine-Meinung-ist-mir-scheißegal Talente und Teambuilder? Ihr alle seid Experten! Ich bin Experte!

So. Und jetzt mach’ ich mir Banana-Peanutbutter-Icecream. Denn auch darin bin ich Experte. Sowohl im Produzieren dieser Gaumenwohltat als auch beim Verzehren.

#3 Irgendwann ist alles Kunst

Die dicken alten nackten Leute in der Sauna. Kunst. Das ausrangierte 70er-Jahre-braun braune Sofa mit Ketchup-flecken und Zigarettenbrandlöchern auf der Straße. Kunst. Die im Wind tanzende Plastiktüte. Kunst.

Wenn man vom dauerweltverbessernden Revoluzzerdasein irgendwann genug hat, wird man irgendwann gleichgültig. Diese Gleichgültigkeit kann entweder in tatsächliche Gleichgültigkeit münden, so dass das Leben ein einziger grau-brauner Brei aus Arbeit, Schlafen und Essen wird; oder man sieht alles nur noch durch die Künstlerbrille. Was nicht bedeutet, dass alles auf einmal schön ist – für jeden der unter dem Wort “Kunst” ein Synonym für “schön” versteht. Nein. Kunst ist wie  – hm – schwer zu beschreiben….(hier folgten Minuten des Sinnierens und sich Aufregens, dass mir keine Definition für Kunst einfällt). Doch. Ja. Kunst ist wie Selbstbewusstsein. Echtes pures Selbstbewusstsein. Die dicke alte nackte Frau, die ihre Falten mit derart charmanter Überzeugung und Selbstverständlichkeit trägt, als hätte sie sie in mühevoller Handarbeit selbst eingenäht. Jede einzelne Falte steht für eine aus ihrem Leben einzigartige Geschichte. Eigentlich nichts anderes als Tattoos. Das ramschige alte Sofa, wie es dort selbstbewusst am Straßenrand steht, stolz auf seine Einzigartigkeit, welche nur durch genau diese Ketschup-Flecken und Brandlöcher entstanden ist und über all die Momente melancholiert, welches es mit seinen Besuchern, die auf ihm Platz nahmen, erlebte. Und der Klassiker. Die im Wind tanzende Plastiktüte. American Beauty. Wer kann sich denn schon so leichtschwebend und grazil fortbewegen?
Kunst ist absurd. Die Menschheit auch.
Oscar sagte einmal, Kunst sei das einzig Ernsthafte auf der Welt, während der Künstler der sei, der nie ernsthaft ist.

Seitdem ich die Kunst wieder in mein Leben gelassen habe, ist es so viel echter. Purer. Reiner. Die Linien werden einerseits immer klarer, andererseits immer abstrakter. Nichts ist für die Ewigkeit. Keine Handlung – und erst recht kein Gedanke. Das ist Macht. Kunst ist Macht.